Arbeitsschuhe für die Pflege – 15.000 Schritte pro Schicht

Eine Frühschicht auf Station bringt selten weniger als 15.000 Schritte auf den Zähler – rund zehn Kilometer, aber fast nie mehr als dreißig Meter am Stück. Weil dabei nichts Schweres auf den Fuß fallen kann, greift nicht die EN ISO 20345 mit ihrer Zehenkappe, sondern die EN ISO 20347: Berufsschuhe der Klassen O1 und O2. Über Komfort und Hygienetauglichkeit entscheiden dann Fersenhalt, Sohlenhärte und die Frage, ob das Obermaterial eine Wischdesinfektion mitmacht.

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15.000 Schritte, aber kaum Strecke am Stück

Die Zahl täuscht: Wer zehn Kilometer wandert, rollt gleichmäßig ab. Auf Station besteht dieselbe Distanz aus mehreren hundert Antritten, Stopps und Drehungen zwischen Zimmer, Dienstplatz und Lager, dazwischen langes Stehen am Bett. Für den Schuh heißt das: Gewicht schlägt stärker durch als Dämpfungshöhe – jedes zusätzliche Gramm hebst du pro Schicht mehrere tausend Mal an.

Wichtiger als eine dicke Mittelsohle ist die Energieaufnahme im Fersenbereich, die O1 ohnehin vorschreibt, dazu eine Laufsohle, die auf Linoleum und PVC beim Drehen nicht hakt. Grobe Stollen sind hier ein Nachteil: Sie verkanten auf glattem Hartbelag und schleppen Schmutz aus dem Treppenhaus bis ins Patientenzimmer.

O1 und O2 statt S1 oder S2

Die S-Klassen setzen eine Zehenkappe mit 200 Joule Schlagfestigkeit voraus. In der direkten Pflege gibt es keine Last, die diese Kappe rechtfertigt – sie bringt nur Bauhöhe über den Zehen, Gewicht und eine harte Kante mit. Die O-Klassen der EN ISO 20347 lassen sie weg:

MerkmalO1O2
Zehenkappe 200 Jneinnein
Geschlossener Fersenbereichjaja
Antistatisch (A)jaja
Energieaufnahme im Fersenbereichjaja
Obermaterial auf Wasseraufnahme geprüft (WPA)neinja

O2 lohnt überall dort, wo regelmäßig Flüssigkeit ankommt: Bad, Waschraum, Dialyse, Inkontinenzversorgung. WPA ist dabei lediglich der neue Name der früheren WRU-Prüfung und betrifft ausschließlich das Obermaterial – ein wasserdichter Schuh wird daraus nicht. Was dein Haus verlangt, steht in der Gefährdungsbeurteilung nach DGUV Regel 112-191; für OP, Küche oder Haustechnik können strengere Vorgaben gelten. Die Systematik aller Stufen erklärt der Überblick zu den Schutzklassen, den Buchstabencode die Seite zu den Kennzeichnungen; branchenübergreifend eingeordnet wird die Klasse unter O1-Berufsschuhen.

Die geschlossene Ferse ist kein Geschmacksthema

O1 verlangt ausdrücklich einen geschlossenen Fersenbereich. Ein hinten offener Clog erfüllt das nicht und kann höchstens als OB geführt werden, also in der Grundstufe ohne Zusatzanforderung. Auch ein umlegbarer Fersenriemen macht daraus normativ keinen geschlossenen Schuh.

Beim Antritt merkst du den Unterschied sofort: Rutscht die Ferse bei jedem Schritt hoch, krallen die Zehen mit, um das Modell am Fuß zu halten – nach acht Stunden sind Zehenbeuger und Fußsohle überlastet. Dazu kommt die Hygieneseite. Fallende Kanülen, Ampullensplitter und verschüttete Flüssigkeiten treffen einen offenen Schuh von hinten und von der Seite, weshalb viele Häuser solche Modelle im Hygieneplan untersagen. Belüftung ohne offene Ferse ist trotzdem möglich – wie, zeigen die Sicherheitssandalen.

Wischdesinfektion, Waschgang und Lebensdauer

Flächendesinfektionsmittel auf Alkohol- oder Aldehydbasis sind für glatte Oberflächen gemacht, nicht für Schuhe. Beschichtetes Leder, Mikrofaser oder EVA lassen sich in Sekunden abwischen; offenes Mesh und Velours saugen das Mittel auf und bleiben feucht. Alkohol entzieht Leder zusätzlich Fett, sodass die Beugefalte über dem Ballen als Erstes rissig wird. Achte deshalb auf Modelle, die der Hersteller als desinfektionsmittelbeständig ausweist.

Textile Pflegeschuhe vertragen meist 30 bis 40 Grad im Schonwaschgang, sofern Einlegesohle und Schnürsenkel vorher heraus sind. Danach an der Luft trocknen: Auf der Heizung schrumpft das Futter und die PU-Zwischensohle verzieht sich. Wer zwei Paare im Wechsel trägt, gibt dem Schaum Zeit, sich zurückzustellen, und dem Schuh Zeit zum Durchtrocknen – beides verlängert die Standzeit spürbar.

Leise über den Flur – vor allem nachts

Im Nachtdienst wird die Sohle zum Thema. Harte Laufsohlen und Clogs mit steifem Holzfußbett schlagen auf Linoleum hörbar auf, besonders wenn der Absatz eine scharfe Kante hat. Weichere PU- oder EVA-Sohlen mit flach auslaufendem Absatzübergang bleiben deutlich ruhiger, nutzen sich dafür schneller ab. Der zweite Geräuschtyp ist das Quietschen: Griffige Gummimischungen haften auf frisch gewischtem Hartbelag kurz an und lösen sich ruckartig – dagegen hilft nur Ausprobieren. Ein Schuh, der an der Ferse zu weit sitzt, klappert obendrein.

Häufige Fragen

Brauche ich in der Pflege Schuhe mit Stahlkappe?

Am Bett nicht: Es fehlt die Gefahr durch herabfallende oder rollende Lasten, auf die eine Kappe ausgelegt ist. Anders wird es, wenn du regelmäßig in Zentrallager, Küche oder Haustechnik unterwegs bist – dort kann der Betrieb S1 oder S3 fordern. Maßgeblich bleibt, was die Fachkraft für Arbeitssicherheit für deinen Bereich festgelegt hat.

Muss der Arbeitgeber die Schuhe bezahlen?

Stuft die Gefährdungsbeurteilung sie als persönliche Schutzausrüstung ein, stellt der Arbeitgeber sie kostenfrei bereit; Grundlage sind Arbeitsschutzgesetz und PSA-Benutzungsverordnung. Werden dagegen nur Berufsschuhe ohne Schutzfunktion erwartet, regeln das viele Häuser über die Dienstkleidungsordnung. Frag im Zweifel die Personalvertretung.

Woran merke ich, dass die Pflegeschuhe durch sind?

An drei Stellen: Die Ferse fühlt sich beim Auftreten hart an, das Profil ist am äußeren Absatzrand glatt gelaufen, oder das Obermaterial reißt in der Beugefalte. Auch ein Fußbett, in das sich der Abdruck dauerhaft eingeprägt hat, stützt nicht mehr – neue Einlegesohlen retten das nur kurz.