ESD-Arbeitsschuhe: ableitfähig statt nur antistatisch

ESD-Schuhe und antistatische Schuhe sind nicht dasselbe – daran scheitern die meisten Beschaffungen. Jeder Sicherheitsschuh nach EN ISO 20345 ist bereits antistatisch (A) und darf dabei zwischen 0,1 und 1000 MΩ liegen. Ein ESD-Arbeitsschuh nach EN 61340-4-3 muss deutlich enger bleiben: Im System aus Mensch, Schuh und Boden sind nach IEC 61340-5-1 höchstens 35 MΩ zulässig.

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Antistatisch (A) und ESD: der entscheidende Zahlenunterschied

Antistatisch (A)ESD
GrundlageEN ISO 20345 / 20347EN 61340-4-3, Programm nach IEC 61340-5-1
Widerstandsfenster0,1 MΩ bis 1000 MΩunter 35 MΩ im System Mensch–Schuh–Boden
SchutzzielZündfunken vermeiden, Träger vor Netzspannung schützenElektronische Bauteile vor Entladung schützen
PrüfungTypprüfung am NeuschuhTypprüfung plus wiederkehrende Messung im Betrieb

Das antistatische Fenster ist bewusst weit: Die Untergrenze von 0,1 MΩ verhindert, dass du bei Kontakt mit Spannung selbst zum Leiter wirst, die Obergrenze von 1000 MΩ sorgt dafür, dass Ladung überhaupt abfließt. Ein Schuh, der bei 800 MΩ misst, erfüllt A einwandfrei – und kann trotzdem ein MOSFET-Gate zerstören, weil die Ladung viel zu langsam abfließt. ESD verengt dieses Fenster um mehr als den Faktor 20. Deshalb ist jeder ESD-Schuh antistatisch, aber längst nicht jeder antistatische Schuh ESD-fähig. Wie das Kürzel auf dem Etikett steht, zeigt der Leitfaden zur Kennzeichnung.

Die ESD-Kette bricht am schwächsten Glied

Der Schuh ist nur ein Glied. Gemessen wird immer die Strecke Fuß – Sohle – Boden. Fehlt der ableitfähige ESD-Boden, misst du gegen einen Isolator und die teuersten Schuhe bringen nichts. Vier Störfaktoren tauchen in der Praxis immer wieder auf:

Wo ESD gefordert wird

Klassisch in EPA-Zonen der Elektronikfertigung, -reparatur und Leiterplattenmontage, in Prüflaboren und in der Steuergerätefertigung der Automobilzulieferer. Dazu Reinräume der Pharma- und Medizintechnik, Rechenzentren sowie Lackierereien und Pulverbeschichtung – dort geht es allerdings primär um Zündschutz, also um die antistatische Eigenschaft in Kombination mit leitfähigem Boden. Für den Bauteilschutz ist ESD die Vorgabe. Welche Schutzklasse dazu passt, entscheidet die Gefährdungsbeurteilung: In der Bestückung reicht meist S1, in der Reinigung eher S2, im Wareneingang S1P. Die komplette Systematik steht im Überblick der Schutzklassen.

Messen, prüfen, dokumentieren

IEC 61340-5-1 verlangt kein einmaliges Zertifikat, sondern ein Prüfprogramm. Üblich ist ein Personen-Erdungsprüfgerät am EPA-Eingang: Du stellst dich auf die Messplatte, fasst die Elektrode an und misst jeden Schuh einzeln – ein Bein reicht nicht, weil eine Sohle defekt sein kann. Die Werte werden protokolliert, in vielen Betrieben koppelt die Drehsperre direkt an das Ergebnis. Der ESD-Schuh ist ein Verschleißteil: Sohlenabrieb, eingelaufener Schmutz und Alterung verschieben den Widerstand nach oben. Fällt er durch, wird er ersetzt und nicht nachgebessert – Sohlen aufrauen oder mit Antistatikspray behandeln ist keine zulässige Reparatur.

ESD-Schuhe eingrenzen

Häufige Fragen

Ist jeder S3-Schuh automatisch ESD-fähig?

Nein. S3 schreibt nur die antistatische Eigenschaft (A) vor, also 0,1 bis 1000 MΩ. ESD muss zusätzlich auf dem Schuh gekennzeichnet und geprüft sein. Steht kein ESD-Kürzel am Schuh, ist er in der EPA nicht einsetzbar – auch wenn er zufällig gute Werte hätte.

Darf ich orthopädische Einlagen in ESD-Schuhen tragen?

Nur als ableitfähige Ausführung mit Prüfnachweis, und in der Regel nur vom Hersteller des Schuhs freigegeben. Jede fremde Einlage macht die Baumusterprüfung ungültig und unterbricht die Ableitung zwischen Fuß und Sohle.

Wie lange bleibt ein Schuh ESD-fähig?

Es gibt keine feste Frist. Entscheidend ist die Messung: Solange der Systemwiderstand unter 35 MΩ liegt, ist der Schuh brauchbar. In der Praxis erreichen Modelle im Zweischichtbetrieb diese Grenze oft schon nach einem Jahr.