EN ISO 20345 – was die Norm wirklich vorschreibt
EN ISO 20345 ist die einzige Norm, die festlegt, wann ein Schuh „Sicherheitsschuh" heißen darf: Er braucht eine Zehenkappe, die 200 Joule Schlagenergie und 15 Kilonewton Druck aushält. Alles andere – Durchtrittschutz, Nässeschutz, Rutschhemmung – kommt als Zusatzanforderung obendrauf. Seit der Revision von 2022 haben sich Kürzel und Prüfverfahren spürbar verändert, und im Regal liegen deshalb gerade zwei Generationen von Etiketten nebeneinander.
Aktuell zertifizierte Modelle nach EN ISO 20345:
Sicherheitsschuhe nach EN ISO 20345 bei Amazon ansehenGeltungsbereich: wofür die Norm zuständig ist
EN ISO 20345 gilt für Schuhwerk mit Zehenschutzkappe, das gegen mechanische Gefährdungen am Arbeitsplatz schützt. Zwei Schwesternormen grenzen daran an: EN ISO 20346 beschreibt Schutzschuhe mit schwächerer Kappe (100 J, 10 kN, P-Klassen) und spielt in Deutschland praktisch keine Rolle; EN ISO 20347 regelt Berufsschuhe ganz ohne Kappe – die O-Klassen für Küche, Service und Pflege. Die Prüfverfahren selbst stehen in keiner der drei: Sie sind in EN ISO 20344 gebündelt, auf die alle verweisen.
Was die Norm ausdrücklich nicht abdeckt: elektrische Isolierung gegen Berührungsspannung (dafür gilt EN 50321), Schnittschutz gegen Kettensägen (EN ISO 17249) und ESD-Ableitfähigkeit – letztere stammt aus der Normenreihe zum Schutz elektrostatisch gefährdeter Bauteile und ist deshalb eine Hersteller-Zusatzangabe, keine Klasse. Details dazu auf der Seite zu ESD-Arbeitsschuhen.
Die Grundprüfungen im Labor
| Prüfung | Verfahren | Bestehenskriterium |
|---|---|---|
| Schlag auf die Kappe | Fallgewicht mit 200 J Aufprallenergie | Resthöhe unter der Kappe mind. 14 mm (Größe 42) |
| Druck auf die Kappe | Statische Presse, 15 kN | gleiche Resthöhe, keine Rissbildung |
| Durchtrittschutz | Nagel wird mit 1.100 N durch die Sohle gedrückt | kein Durchtritt an den Prüfpunkten |
| Rutschhemmung | Keramikfliese mit Reinigungsmittellösung | Grundanforderung für jeden Schuh |
| Antistatik (A) | Widerstandsmessung | 0,1 bis 1.000 MΩ |
| Energieaufnahme Ferse (E) | Stempel drückt in den Fersenbereich | mind. 20 J |
Geprüft wird immer am fertigen Schuh in einer Referenzgröße, nicht am Bauteil. Deshalb kann eine baugleiche Kappe in zwei Modellen unterschiedlich abschneiden – die Resthöhe hängt auch vom Leisten und vom Aufbau darüber ab.
Was die Revision 2022 geändert hat
Die Fassung von 2022 hat die Systematik an drei Stellen umgebaut. Erstens der Durchtrittschutz: Statt eines einzigen Kürzels gibt es jetzt P (metallische Zwischensohle, Prüfnagel 4,5 mm), PL (nichtmetallische Einlage, ebenfalls 4,5 mm) und PS (nichtmetallische Einlage, geprüft mit dem dünneren 3,0-mm-Nagel). Daraus entstehen die Klassenvarianten S3, S3L und S3S – die Buchstaben hinter der 3 beschreiben also den Nageltest, nicht den Nässeschutz.
Zweitens der Nässeschutz: Neu sind S6 (wie S2, zusätzlich als kompletter Schuh wasserdicht geprüft) und S7 (wie S3, ebenfalls mit WR) samt Untervarianten S7L und S7S. Drittens die Rutschhemmung: SRA, SRB und SRC sind ersatzlos gestrichen. Jeder Schuh muss die Grundprüfung auf Keramikfliese mit Reinigungsmittellösung bestehen; das freiwillige Kürzel SR steht für den zusätzlichen, schärferen Test auf Keramikfliese mit Glycerin. Dazu kommen kleinere Änderungen: FO (kraftstoffbeständige Sohle) ist von der Pflicht zur Option geworden, und zwei Kürzel sind neu – SC für einen abriebgeprüften Kappenüberzug an der Schuhspitze und LG für nachgewiesenen Halt auf Leitersprossen. Die komplette Klassentabelle findest du im Überblick der Schutzklassen, alle Zusatzbuchstaben unter Kennzeichnungen.
Warum beide Kennzeichnungen parallel laufen
Sicherheitsschuhe sind PSA der Kategorie II und brauchen eine EU-Baumusterprüfbescheinigung einer benannten Stelle. Diese Bescheinigungen gelten maximal fünf Jahre. Ein Modell, das kurz vor Erscheinen der neuen Fassung nach der Vorgängerversion zertifiziert wurde, darf bis zum Ablauf dieser Frist unverändert verkauft werden – rechtmäßig und ohne Sicherheitsnachteil. Deshalb liegen im selben Regal ein S3 mit „SRC" und ein S3S mit „SR" nebeneinander. Für dich heißt das: Vergleiche nicht die Anzahl der Buchstaben, sondern lies, was tatsächlich geprüft wurde. Ein S3 nach alter Fassung ist einem S3L nach neuer Fassung technisch ebenbürtig.
Norm, DGUV Regel und Gefährdungsbeurteilung
Die Norm sagt, was ein Schuh können muss – nicht, welchen du tragen musst. Diese Auswahl regelt die DGUV Regel 112-191 („Benutzung von Fuß- und Knieschutz"). Sie enthält die Zuordnungstabellen von Tätigkeit zu Schuhtyp, Hinweise zu Tragezeiten, zum Umgang mit orthopädischen Einlagen und zur Unterweisung. Verbindlich wird daraus etwas erst über die Gefährdungsbeurteilung deines Betriebs: Sie legt fest, ob im Lager S1P reicht oder ob im Kanalbau S5-Stiefel nötig sind. Die Norm liefert dafür nur die Sprache. Weitere Grundlagen zum Thema sammelt der Ratgeber.
Häufige Fragen
Sind Schuhe nach EN ISO 20345:2011 noch erlaubt?
Ja. Solange die EU-Baumusterprüfbescheinigung gültig ist, dürfen die Modelle in Verkehr gebracht werden, und bereits gekaufte Schuhe darfst du bis zum Verschleiß weitertragen. Ein Zwangstausch wegen der Normrevision ist nicht vorgesehen.
Was bedeutet das fehlende SRC auf neuen Schuhen?
Nichts Schlechtes. Rutschhemmung ist seit 2022 Grundanforderung, jeder zertifizierte Schuh hat sie. SRC gibt es als Kürzel schlicht nicht mehr; steht stattdessen SR auf der Zunge, wurde zusätzlich auf Keramikfliese mit Glycerin geprüft – dem schärferen der beiden Tests.
Wo finde ich die Kennzeichnung am Schuh?
Auf der Innenseite des Schafts oder auf der Lasche, eingeprägt oder als Etikett: Hersteller, Modell, Größe, Herstellungsdatum, die Normnummer mit Jahreszahl und die Klasse samt Zusatzkürzeln. Fehlt die Jahreszahl der Norm, hilft der Blick in die mitgelieferte Konformitätserklärung.