Wann Sicherheitsschuhe wirklich ausgetauscht gehören
Für Sicherheitsschuhe gibt es kein Verfallsdatum: Weder EN ISO 20345 noch die DGUV Regel 112-191 nennen eine Frist in Monaten. Vorgeschrieben ist etwas anderes – jeder geprüfte Schuh muss sein Herstellungsdatum tragen, Monat und Jahr, meist auf dem Etikett im Schaft oder auf der Zunge. Ausgemustert wird nach Zustand, und den beurteilst du an sechs Stellen in zwei Minuten selbst.
Ein Zweitpaar im täglichen Wechsel verlängert die Standzeit beider Schuhe deutlich:
Sicherheitsschuhe S3 bei Amazon ansehenWarum die Frage nach Monaten in die Irre führt
Zwei Träger derselben Serie kommen auf völlig verschiedene Standzeiten. Wer in der Kommissionierung zweistellige Kilometer pro Schicht auf Beton abspult, hat die Laufsohle im Ballenbereich nach einem Jahr blank geschliffen. Wer im Schaltschrankbau überwiegend steht und kniet, sieht am Profil auch nach drei Jahren wenig – dort ist stattdessen die Fersendämpfung platt und das Futter hinten durchgescheuert. Abrieb, Nässe, Öl, Hitze sowie dein Körpergewicht samt getragener Last wirken völlig unabhängig voneinander auf den Schuh.
Der Arbeitsschutz regelt das deshalb über die Kontrolle statt über den Kalender: Persönliche Schutzausrüstung wird vor der Benutzung auf offensichtliche Mängel angesehen, und zwar von dem, der sie trägt. Was der Betrieb darüber hinaus organisieren muss, steht in der DGUV Regel 112-191.
Sechs Prüfpunkte für die Sichtkontrolle
- Profil: Sind die Stollenkanten unter dem Ballen rund gelaufen oder glatt poliert, ist die Rutschhemmung dahin – geprüft wurde sie am Neuschuh mit scharfkantigem Profil. Vergleiche beide Schuhe nebeneinander gegen das Licht.
- Dämpfung: Stell die Schuhe auf eine ebene Platte und schau von hinten. Kippt der Schaft nach innen oder außen weg, ist der Sohlenschaum einseitig zusammengesackt. Ein Daumendruck in den Fersenkeil, der keine Delle mehr zurückfedert, sagt dasselbe.
- Sohlenanbindung: Am Rand zwischen Schaft und Sohle mit dem Fingernagel entlangfahren. Öffnet sich eine Fuge oder lässt sich die Kante anheben, dringt dort Feuchtigkeit ein, und die Ablösung wächst schnell weiter.
- Kappenbereich: Scheuert das Obermaterial über der Zehenkappe durch – typisch bei Fliesenlegern, Dachdeckern und allen, die viel knien –, liegt die Kappenkante frei. Der Schuh ist damit nicht mehr im geprüften Zustand.
- Fersenfutter: Ein durchgeriebenes Futter über der Fersenkappe kostet Halt, und die harte Kante darunter reibt bei jedem Schritt an der Achillessehne. Flicken hält selten länger als eine Woche.
- Verschluss: Ausgerissene Ösen, gebrochene Haken oder ein Drehverschluss ohne Rasterung lassen den Fuß im Schuh wandern. Ersatzteile gibt es nur bei wenigen Systemen.
Hydrolyse: Schuhe altern auch im Karton
Polyurethan-Zwischensohlen zersetzen sich mit Luftfeuchtigkeit, ganz ohne Belastung. Das Material wird zuerst krümelig, dann reißt es quer über die Sohle, oft beim ersten kräftigen Abrollen. Betroffen ist typischerweise das Reservepaar, das zwei Jahre ungetragen im warmen Spind oder im feuchten Keller stand, und ebenso der Winterstiefel, der jeden Sommer eingelagert wird.
Die Prüfung dauert zehn Sekunden: Sohle über die Vorderkante durchbiegen und auf feine Querrisse achten, danach mit dem Daumennagel über den Sohlenrand fahren. Bröselt Material ab, gehört der Schuh entsorgt, selbst wenn das Obermaterial neuwertig aussieht. Praktische Folgerung: Vorräte anlegen lohnt nicht. Zwei Paar im Wechsel tragen ist besser, als ein Paar zu tragen und eines liegen zu lassen. Bei Restposten und Sonderaktionen lohnt der Blick auf das Herstellungsdatum im Schaft.
Diese Fälle beenden die Diskussion sofort
Ein Anprall auf die Zehenkappe ist der wichtigste davon. Die Kappe hält 200 Joule, indem sie sich verformt und die Energie in bleibende Verformung umsetzt – einmal. Danach existiert keine geprüfte Restleistung mehr, auch wenn von außen nichts zu sehen ist, weil das Obermaterial die Delle verdeckt. Fällt dir ein Werkstück auf den Fuß, wird der Schuh gemeldet und ersetzt, nicht weitergetragen.
Ebenso raus muss der Schuh, wenn ein Nagel die Sohle durchdrungen hat, denn die Durchtrittschutz-Einlage ist an dieser Stelle beschädigt. Dazu kommen Kontakt mit Säure oder Lösemittel, verhärtete oder aufgeblähte Sohlen nach Hitzeeinwirkung sowie ein ESD-Schuh, der die wiederkehrende Messung nicht mehr besteht. Neu besohlen lässt sich geprüfte Schutzausrüstung nicht – was am Schuh überhaupt noch zulässig instand gesetzt werden darf, klärt der Artikel zum Reparieren.
Wer zahlt und wie du den Austausch begründest
Sicherheitsschuhe sind persönliche Schutzausrüstung. Der Arbeitgeber stellt sie kostenlos und ersetzt sie auch, wenn sie verschlissen sind; ein starres Jahreskontingent hebelt das nicht aus. Die Einzelheiten stehen unter Wer zahlt Arbeitsschuhe.
In der Praxis scheitert der Austausch selten am Budget, sondern an der Formulierung. „Die sind durch" wird abgewiesen, ein benannter Mangel nicht. Fotografiere beide Sohlen von unten, nenne den betroffenen Prüfpunkt und die Gefährdung dazu – etwa abgelaufenes Profil auf nassem Hallenboden – und gib das Ausgabedatum an. Ansprechpartner ist der Vorgesetzte, fachlich die Fachkraft für Arbeitssicherheit; kommst du nicht weiter, ist der Betriebsrat zuständig. Wie lange ein Paar durchhält, beeinflusst du außerdem selbst: richtig trocknen und regelmäßig pflegen bringt mehr Monate als jede Kaufentscheidung.
- Schuh riecht, ist aber intaktGeruch ist kein Austauschgrund
- Feuchtigkeit im SchuhWas den Verschleiß beschleunigt
- RutschhemmungWas das Profil leisten muss
- Alle Ratgeber-ThemenNorm, Pflege, Recht
Häufige Fragen
Wie lange halten Arbeitsschuhe im Durchschnitt?
Eine belastbare Durchschnittszahl gibt es nicht, weil Laufleistung und Untergrund den Verschleiß bestimmen. Im Dauerlauf auf Beton sind zwölf Monate realistisch, im überwiegenden Stehen ohne Nässe deutlich mehr. Entscheide über die sechs Prüfpunkte, nicht über den Kalender.
Muss ich nach einem Fußstoß wirklich neue Schuhe bekommen?
Ja, sobald die Zehenkappe den Schlag abgefangen hat. Sie ist auf ein einziges Ereignis mit 200 Joule ausgelegt und verformt sich dabei bleibend. Ob sie noch tragfähig ist, kannst du von außen nicht beurteilen, also wird das Paar aus dem Verkehr gezogen.
Kann ich abgelaufene Sohlen neu besohlen lassen?
Nein. Die Baumusterprüfung gilt für den Schuh als Ganzes, inklusive Sohlenaufbau und Verklebung. Ein Schuster kann Fersenkappen füttern oder Schnürsenkel und Ösen ersetzen, aber jede Arbeit an der Sohle beendet die Zulassung des Schuhs als Schutzausrüstung.