Laborschuhe: was die Schutzklasse über Chemikalien nicht verrät

Im Labor kommt die Gefahr für den Fuß fast immer von oben: ein umgestoßenes Becherglas, eine Pipettenspitze mit Restvolumen, ein überschäumender Ansatz. Deshalb steht in der DGUV Information 213-850 zum sicheren Arbeiten in Laboratorien der geschlossene, feste Schuh am Anfang – vor jeder Überlegung zur Schutzklasse. Ein perforierter Sportschuh oder eine Sicherheitssandale leiten verschüttete Flüssigkeit direkt auf die Haut.

Geschlossene Labor- und Reinraummodelle, auch mit ESD:

Arbeitsschuhe fürs Labor bei Amazon ansehen

Geschlossen heißt: keine Löcher, auch keine kleinen

Die Grundregel klingt banal, wird aber ständig verletzt, weil Modelle mit Mesh-Einsatz bequem sind. Prüfe vier Stellen: Vorfuß und Seiten ohne Belüftungslöcher, Zunge gefüttert oder als Faltenzunge nach oben geschlossen, eine Materiallage unter den Schnürösen, fest umschlossener Fersenbereich. Ein hinten offenes Modell fällt damit ebenso heraus wie die im Sommer beliebten Sicherheitssandalen.

Dazu gehört die zweite Hälfte der Regel: Das Hosenbein liegt außen über dem Schaft, nicht im Schuh – sonst wird der Stoff zum Docht. Wer größere Volumen umfüllt, arbeitet zusätzlich mit einer Auffangwanne.

EN ISO 20345 und EN 13832 sind zwei verschiedene Dinge

Das ist der häufigste Beschaffungsfehler: S2, S3 oder O2 auf dem Etikett sagen kein Wort über Chemikalienbeständigkeit aus. Die Schuhnorm prüft Mechanik und Elektrostatik – Kappe, Durchtritt, Rutschhemmung, Ableitwiderstand.

NormGeprüft wirdNicht abgedeckt
EN ISO 20345Zehenkappe 200 J, Antistatik, Rutschhemmung, optional DurchtrittschutzJede Chemikalieneinwirkung
EN ISO 20347Dieselben Merkmale ohne ZehenkappeJede Chemikalieneinwirkung
EN 13832-2Spritzkontakt, begrenzte EinwirkdauerMechanischer Schutz
EN 13832-3Längerer Kontakt bis hin zum EintauchenMechanischer Schutz

Wichtig ist der Zusatz, den viele überlesen: EN 13832 zertifiziert immer gegen bestimmte Prüfchemikalien, die im Datenblatt mit Kennbuchstaben und Durchbruchzeit stehen. Einen pauschal chemikalienbeständigen Schuh gibt es nicht. Für den Laboralltag heißt das: ein geschlossener Schuh nach der Schuhnorm als Grundausstattung, dazu für definierte Tätigkeiten mit Säuren, Laugen oder Lösemitteln ein Chemikalienstiefel nach EN 13832-3, der nur dafür angezogen wird. Nicht verwechseln mit dem Kürzel FO – das meint nur eine ölbeständige Laufsohle. Die übrigen Buchstaben klärt der Ratgeber zur EN ISO 20345.

ESD im Elektronik- und Reinraumlabor

Sobald du an elektronischen Baugruppen misst, Halbleiter handhabst oder in einer EPA arbeitest, reicht die normale Antistatik nicht. Der Unterschied ist eine ganze Größenordnung: EN ISO 20345 lässt für die Kennzeichnung A einen Bereich von 0,1 bis 1000 Megaohm zu, während IEC 61340-5-1 für die Ableitung über Person, Schuh und Boden unter 35 Megaohm verlangt.

Damit die Kette funktioniert, muss jedes Glied mitspielen: ableitfähiger Bodenbelag, ableitfähige Sohle, dünne Socke ohne isolierende Wollschicht, und eine Messung am Personen-Erdungsprüfgerät beim Betreten des Bereichs. Der Reinraum verlangt zusätzlich partikelarme, glatte Oberflächen ohne Velours und offene Klettflächen. Grenzwerte, Messpraxis und Auswahl stehen bei den ESD-Arbeitsschuhen.

Autoklavieren geht fast nie, Wischdesinfektion fast immer

Die Frage taucht in mikrobiologischen Laboren regelmäßig auf, und die Antwort lautet: Ein Sicherheitsschuh übersteht 121 Grad bei zwei bar nicht. Der Dampf löst Verklebungen, verformt thermoplastische Kappen und zerstört Membranen und PU-Zwischensohlen. Autoklavierbar sind praktisch nur Vollgummi- oder EVA-Clogs ohne Kappe – und die sind dann Berufsschuhe für Bereiche ohne mechanische Gefährdung.

Der realistische Weg heißt Wischdesinfektion. Dafür brauchst du eine glatte, geschlossene Oberfläche ohne Ziernähte und Textileinsätze, die Alkohol und Aldehyde verträgt. Beschichtetes Synthetikmaterial und Mikrofaser sind hier im Vorteil, weil Glattleder unter häufiger Alkoholeinwirkung austrocknet und aufreißt. In Bereichen mit Personalschleuse gehört ohnehin ein eigenes Paar dazu, das den Bereich nie verlässt.

Warum der Überschuh selten die Lösung ist

Einweg-Überziehschuhe aus Folie oder Vlies werden gern als schnelle Antwort auf Besucher, Reinraum oder Kontaminationsschutz verkauft. Für den Fußschutz sind sie aus vier Gründen die falsche Wahl: Sie haben keine geprüfte Rutschhemmung und werden auf glattem Laborboden selbst zur Gefahr. Sie halten keinem Chemikalienspritzer stand. Sie legen eine isolierende Schicht zwischen Sohle und Boden und unterbrechen damit genau die ESD-Ableitung, die im Elektroniklabor gefordert ist. Und das Anziehen im Stehen auf einem Bein ist eine eigene Sturzursache.

Sinnvoll bleiben Überschuhe dort, wo es ausschließlich um eine Partikelbarriere in eine Richtung geht – dann aber als wiederverwendbare Reinraumausführung mit rutschhemmender Sohle und Ableitband, nicht als blaue Folientüte. Für alles andere ist das zweite, dem Bereich fest zugeordnete Paar die bessere Investition.

Welche Ausführung an deinem Arbeitsplatz gefordert ist, legt die Gefährdungsbeurteilung mit der Betriebsanweisung nach TRGS 526 fest – im Zweifel entscheidet die Laborleitung.

Häufige Fragen

Sind Turnschuhe im Labor erlaubt?

Nur wenn sie oben vollständig geschlossen sind, also kein Mesh, keine Belüftungslöcher und ein fester Fersenbereich. Die meisten Freizeit-Sneaker fallen damit heraus. Hinzu kommt, dass Straßenschuhe Schmutz und Partikel ins Labor tragen; in kontrollierten Bereichen ist ein eigenes Paar Pflicht.

Brauche ich im Labor eine Zehenkappe?

Im reinen Analytik- oder Zelllabor meist nicht, dort genügt ein Berufsschuh nach EN ISO 20347. Sobald Gasflaschen, Zentrifugenrotoren, schwere Geräte oder Transportarbeiten dazukommen, verlangt die Gefährdungsbeurteilung regelmäßig einen Sicherheitsschuh mit Kappe.

Was bedeutet EN 13832 auf dem Datenblatt?

Dass der Schuh gegen bestimmte, namentlich genannte Chemikalien geprüft wurde – Teil 2 für Spritzer, Teil 3 für längeren Kontakt. Steht deine Substanz nicht darauf, gilt der Schutz für sie auch nicht.